Die ersten Worte von Bernie Ecclestone, als wir uns nach drei Jahren wiedersehen.
Jetzt hat er mich, Helmut Uhl (74), Autor für BILD, und seine frühere langjährige Mitarbeiterin des Formel 1-Managements, Hannah Gude, zu ihm nach Gstaad eingeladen.
Sein Händedruck immer noch zart wie ein Marzipan-Ei. Der hellbraune, centgroße Altersfleck auf der rechten Wange noch der gleiche. Wie seine weiße Beatle-Frisur. Keine Hilfe beim Ausziehen seines dunkelblauen Blousons. Seine weiche Stimme keine zehntel Umdrehung leiser.
„Meine Töchter wollten eine große Party. Ich fliege lieber mit Fabi und Ace auf meine Ranch nach Brasilien.“
Fabi, das ist seine Frau Fabiana. „13 Jahre sind wir nun schon verheiratet, 16 Jahre zusammen“, lächelt die Brasilianerin. Sie war 34. Er 79.
Ace, das ist ihr gemeinsamer Sohn. Fünf Jahre jung. Dreisprachig. Portugiesisch, natürlich, wie Mama. Englisch, natürlich, wie Papa und in der Internationalen Vorschule in Gstaad. Und Schwizerdütsch, natürlich, wie mit seinen Freunden.
Fabiana liest die Frage in meinen Augen. „Es klappt sehr gut. Bernie und ich sind ein Team und wir erziehen Ace als Team. Wenn ich mal etwas ungeduldiger bin, erklärt ihm Bernie in seiner gewohnt ruhigen und leisen Art, dass er erst eine halbe Stunde Fernsehen schauen darf, wenn er seine Hausaufgaben gemacht hat.“
Harmonie in einem Haus des Geldes.
Aufzug, ja. Für Milliardärs-Eltern nix Außergewöhnliches.
Weiß getünchte Wände und helles Holz in gemütlichem Bauernstuben-Stil – nix Außergewöhnliches für ein Chalet im Schweizer Nobelort, wo die Bankauszüge etwas länger sind …
Kein Prunk, kein Protz. Eine Decke aus Bescheidenheit umhüllt ihren Reichtum. Das war bei Bernie Ecclestone schon immer so. Mit Fabiana erst recht.
★★★
Ein ehrliches Eltern-Gespräch am Esstisch.
„Es ist nicht einfach für uns Ace zu erklären, dass es nur dienstags Online, Tablet und Youtube gibt, während seine Mitschüler das täglich dürfen“, sagt Fabiana. „Ich denke, es ist gut, wenn er mit 12 oder 14 sein erstes Handy bekommt.“
Bernie ergänzt: „Ace hat das aber akzeptiert und lamentiert nicht. Er ist ein aufgeweckter, intelligenter, wunderbarer Junge. Ich sehe bereits heute keine Limits, was er mal imstande ist zu tun.“ Weil er sich für alles interessiert.
Fabiana: „Er ist schon mit zwei Jahren Ski gefahren. Viele Kinder in diesem Alter mögen dies oder das nicht essen – Ace mag alles. Sushi mag er am liebsten.“
Fische, ja – für Fische hat er einen besonderes Faible. Statt Spielzeugautos auf dem Boden öffnet er eine Holzschatulle mit seinem Köder- und Angelhaken-Sortiment. Fabiana zeigt uns Fotos mit fetten Fischen, die er auf der Ranch geangelt hat. Aber auch Fotos, auf denen er Hühner auf der Ranch liebevoll an seine Brust drückt. Wir zeigen diese Fotos aus Sicherheitsgründen hier nicht. Fabiana ist nach der Entführung ihrer Mutter 2016 in Brasilien – mit gutem Ausgang – sehr vorsichtig.
2010: Ecclestone im Kreis der damals besten Fahrer Lewis Hamilton, Fernando Alonso, Mark Webber, Jenson Butto und Sebastian Vettel (v.l.)
Foto: picture alliance / Photoshot
★★★
Kinderstunde beendet. Fabiana bringt uns stilles Wasser.
Ich frage Bernie: „Was hast du denn mit fünf gemacht? Wie war deine Kindheit?“
Ein tiefer Seufzer. Ein tiefer Rückblick.
„Ich wurde auf dem Küchentisch meiner Großmutter geboren. In einem der acht einfachen Häuser in unserem kleinen englischen Nest. Wir hatten kein Geld, also besorgte ich mir als Schüler einen Koffer, kaufte am Bahnhof alle Brötchen auf und verkaufte sie aus dem Koffer in der Pause vor der Schule. So machte ich mein erstes Geld …“
„Mit 16 verließ ich die Schule, begann eine Lehre in einem Chemielabor. Ich merkte schnell: Das ist nichts für mich. Ich kaufte alte Motorräder, reparierte sie und verkaufte sie weiter. Es lief gut – ich zahlte meinen Boss vom verdienten Geld aus, zog mit meinem Motorradladen in ein Pkw-Gebrauchtwagengeschäft in der Nähe. Es lief wieder gut: Ich zahlte den Gebrauchtwagenhändler aus – und hatte mit 19 meine erste Million gemacht …“
Ein Lob von seinen Eltern gab es dafür nicht.
Auch heute ist Ecclestone noch mittendrin: Hier ehrt er Lando Norris nach dem Österreich-Grand-Prix 2025
Foto: picture alliance / DPPI media
★★★
Der Jung-Millionär trifft das Mädchen Ivy. Sie wollte heiraten. „Also habe ich ,Ja‘ gesagt. Es war witzig. Die Tante meiner künftigen Frau war meine Trauzeugin, die Mutter von Ivy war ihre Trauzeugin. Ich ging die Treppe zum Standesamt hinunter und alle drei Frauen heulten. Ich habe gefragt: ,Soll ich wieder gehen? Wollen wir es verschieben?‘ Sie sagten: ,Nein, nein, alles gut.‘ Ich dachte damals gar nicht nach, was ich da tue, und habe halt geheiratet.“
Aus dieser Ehe stammt Ecclestones erste Tochter Deborah. „Sie wurde jetzt 70 und hat mich vor meinem Geburtstag in Gstaad besucht.“
Die Ehe zerbrach. Der Traum vom Rennfahrer nach mehreren Versuchen in kleineren Formel-Autos auch.
Seine Visionen nicht. „Es hört sich unglaubwürdig an, ich weiß, aber Geld und Reichsein war nie meine Motivation. Meine Ideen und Deals haben mich getrieben“, sagt er – glaubwürdig.
Der (Erfolgs-)Kurs des Formel 1-Königs ist weithin bekannt.
Seine neue Vision, die Formel 1-Teams unter ein Dach zu vereinen, treibt ihn. Bis dahin hatte jedes Team einzeln mit den Veranstaltern über das Antrittsgeld verhandelt.
Nach Debakel : Wagner zählt seine Spieler an
Sein Vorschlag: Alle Rennställe sollen 100.000 Dollar in einen Topf zahlen und er vermarktet daraus die Formel 1 weltweit. Sie lehnen ab.
Ecclestone macht die Vermarktung alleine. Verhandelt mit allen Veranstaltern, mit den Fernsehanstalten, mit Sponsoren, über die Vermarktungsrechte, verteilt die Antrittsgelder an die einzelnen Teams – die Formel 1 von heute war Mitte der 70er Jahre geboren.
Und endgültig auch der Weg vom Brötchenverkäufer zum Multimilliardär.
★★★
Ein Mann wird 95 – ein Leben zwischen Himmel und Hölle. Dabei ist Bernard Charles Ecclestone immer auf der Erde geblieben.
Trotz eines Vermögens von drei Milliarden – geschätzt und in den Reichtums-Listen anerkannter Wirtschaftsmagazinen verzeichnet. Oder mehr. Oder weniger. Jedenfalls eine Zahl mit neun Nullen. Sie bedeutet „Mr. E“, wie er von seinen Angestellten heute noch respektvoll angesprochen wird, wenig.
Freundschaft ist heute ein viel wichtigeres Wort.
Wie viele Freunde hat, oder hatte, ein so erfolgreicher – aber auch knallharter – Geschäftsmann?
„Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Natürlich kamen und gingen viele Freunde.“ Er malt dabei die typischen Gänsefüßchen um das Wort „Freunde“ in die Luft. „Aber richtige Freunde hatte ich, bitte warte mal, vielleicht vier. Ja, vier.“
Dürfen wir fragen, wer die sind – oder waren?
„Drei davon sind nicht mehr da.“ Er spricht leise. Wie immer, wenn ihn eine Sache berührt.
► Jochen Rindt (†1970). Ecclestone managte den in Mainz geborenen, aber immer mit österreichischer Lizenz fahrenden Pilot, brachte ihn 1969 zu Lotus. Ein Jahr später der Todesschock: Die Parabolika in Monza hatte ihm seinen Freund genommen. Ecclestone rannte damals in die weltbekannte Kurve, lief einsam mit dem blutverschmierten Helm von Jochen Rindt zurück. Sie wollten 1971 das Brabham-Team kaufen, Rindt sollte 1972 sein Fahrer werden. Der in Graz aufgewachsene Kettenraucher wurde posthum zum Weltmeister gekürt, da ihm seine Punkte reichten.
►Max Mosley (†2021). Der britische Jurist, der mit ihm an der Spitze des Motorsport-Weltverbandes zwischen 1991 und 2009 die Formel 1 auf ein höheres Niveau hob.
►Niki Lauda (†2019). Der österreichische Dreifach-Weltmeister (1975, 1977, 1984), Lauda-Airline-Gründer, späterer 30-prozentiger Mercedes-Team-Mitbesitzer.
Max Mosley (l.) nahm sich 2021 im Krebs-Endstadium das Leben
Foto: picture-alliance / Sven Simon
Ich will ihm das Sterbens-Bild von Niki Lauda schenken, weil er nie auf Beerdigungen oder Trauermessen geht. Er ging 1958 nicht zum Abschied seines ersten Fahrers Lewis-Evans, nicht zur Beerdigung seines Freundes Jochen Rindt, auch nicht zu Ayrton Sennas Beisetzung. Ecclestone liest halblaut vor, was auf dem Foto zu sehen ist: „Fang’ nie an aufzuhören, hör’ nie auf anzufangen. Du bist nicht mehr da, wo du warst. Aber du bist überall, wo wir sind.“
Ecclestone gibt mir das Bild zurück. Seine Hände zittern in diesem Moment. „Ich will es nicht.“ Er hat seine Freunde im Herzen, nicht auf Papier.
Niki Lauda (r.) dachte genauso zielgerichtet wie Ecclestone
Foto: IMAGO/Kr√§ling
Und der vierte?
„Das ist Flavio Briatore. Der einzige, der noch lebt.“
Was ist ein Freund für dich?
„Das kann nur einer sein, mit dem man über eine lange Zeit durch dick und dünn geht, dem man zu hundert Prozent vertraut und kein Risiko scheut. Da habe ich ein Beispiel mit Flavio. Als seine Yacht in Italien 2010 wegen nicht deklarierter Treibstoff-Steuer von den Behörden konfisziert wurde (er hatte in Griechenland getankt; d. Red.), habe ich sie bei einer Auktion ersteigert. Ich habe sie Flavio dann für den Auktionspreis plus einem Dollar (er lacht) wieder verkauft.“
Ecclestone nahm eventuelle Schwierigkeiten mit den Behörden in Kauf. „Das ist Freundschaft für mich.“
Auch Karlheinz Zimmermann, der viele Jahre sein Motorhome an den Rennstrecken bewirtschaftet hatte, ist ein Freund, „aber die vier genannten haben mich länger und enger begleitet.“
Flavio Briatore (l.) und Ecclestone transferierten 1994 Schumi von Jordan zu Benetton
Foto: picture alliance / HOCH ZWEI
★★ ★
Neben der Handvoll Freunde ist seine Liebe zu seinem Baby Formel 1 geblieben. Sie überdeckt den Schmerz nach dem Verkauf 2015 für acht Milliarden an die jetzigen Besitzer Liberty Media. „Ich schaue immer noch jedes Rennen, ja sogar jedes Training und stehe zu den jeweiligen Zeiten bei den Übersee-Rennen auf.“
★★★
Weltbekannte Mundharmonika-Töne ertönen aus seinem Handy. „Spiel mir das Lied vom Tod“. Sein Klingelton. Wir dürfen mithören. Seine Yacht in Ibiza wird verkaufsfertig ausgeräumt. Er legt auf. Zeigt uns auf dem Handy seine große Yacht in Kroatien. „Wir haben sie gerade verkauft.“ Fabiana: „Wir hatten sie in einem Jahr nur acht Tage genutzt. Dafür brauchen wir eine so große Yacht nicht.“ Er hatte sie „Petara“ getauft – nach seinen zwei Töchtern Petra und Tamara aus der zweiten Ehe mit Slavica (von 1985 bis 2009).
Auch die etwas kleinere Yacht auf Ibiza steht auf der Verkaufsliste. Überhaupt: Fabiana und Bernie räumen ihren Reichtum auf. Und Ecclestone sein Leben.
Letzte Woche verkauft: Seine Yacht „Petara“ (benannt nach seinen Töchtern Petra und Tamara, die in Kroatien liegt
Foto: picture alliance / PIXSELL
Im Frühjahr verkaufte der Formel 1-Zampano seine 69 gesammelten Rennautos für 630 Millionen Euro an Mark Mateschitz, Sohn und Erbe des Red Bull-Gründers Didi Mateschitz (†2022).
Dafür kam ein Gletscher mit einem neu renovierten Restaurant in der Nähe von Gstaad ins Portfolio. Vor vielen Jahren hatte er bereits in seinem Schweizer Domizil einen Teil der Fußgängerzone mit Geschäftshäusern gekauft. Typisches Ecclestone-Vernunfts-Motto: Was Geld kostet, geht weg – dafür Immobilien, die Geld bringen, rein.
2024 verkaufte Ecclestone seine Sammlung von 69. Grand-Prix- und Formel-1-Autos aus 70 Jahren Motorsport für 630 Mio. Euro an den Red-Bull-Erben Mark Mateschitz
Foto: TOM HARTLEY JNR LTD
Auch weg mit Gerichts- und Steuerverfahren: Vor zwei Jahren, also mit 93, räumte der Geld-Fuchs vor dem Londoner Southwark Crown Court ein Schuldeingeständnis bezüglich „irreführender Aussagen“ seines Auslandsvermögens und einem Trust in Singapur über 650 Millionen US-Dollar (559 Mio Euro) ein. Nach einer Steuernachzahlung von 756 Millionen Euro (!) verurteilte ihn das Gericht statt zu drohenden zehn Jahren Haft zu 17 Monaten mit zweijähriger Bewährung. Die liefen jetzt ab.
Bernie Ecclestone wird 95 – ein Leben zwischen Himmel und Hölle.
Das alles aber ist nicht (mehr) wichtig für den früheren streitbaren Sportmanager. Der Spaltpilz – er konnte wie kein Zweiter die Leute gegeneinander aufhetzen – ist zum altersmilden Friedensstifter geworden: Für Fabiana, seinen fünfjährigen Sohn Ace – aber auch für sich.
Bernie Ecclestone atmet inzwischen Dankbarkeit in seine Bypässe. Dankbarkeit für sein zweites Leben nach seiner schweren Herz-OP 1999.
Dankbarkeit, dass er mit 95 noch seine Schuhe – im Stehen – alleine aus- und anziehen kann.
★★★
Wir verabschieden uns. Ein Händedruck, eine Umarmung. Ich wünsche ihm, dass er auch beim nächsten Geburtstag sagen kann: „Ich bin glücklich noch hier zu sein.“
Er klopft mit der rechten Faust an sein Herz.
Happy Birthday, Mister Formel 1!