Frau Schult, Sie haben nach der Geburt Ihres dritten Kindes in der Rückrunde der vergangenen Saison bei Zweitligist HSV gespielt, sind nun überraschend in die US-Liga zu Kansas City gewechselt. Wie kam das?
ALMUTH SCHULT (33): Wir als Familie hatten selbst nicht mehr damit gerechnet. Es gab immer mal Anfragen aus den USA, aber wir hatten immer gesagt, dass es zu weit weg und nicht einfach mit dem Job meines Mannes zu vereinbaren ist. Aber Kansas hat uns von Anfang an ein gutes Gefühl gegeben. Wir haben uns innerhalb von wenigen Tagen entschlossen. In den USA ist es am einfachsten, Fußball und Familie zu vereinbaren, die NWSL ist diesbezüglich führend auf der Welt und unterstreicht es nochmal mit dem neuen Ligavertrag.
„Europäische Klubs haben Respekt davor, eine Mutter mit drei Kindern aufzunehmen“
Wodurch?
Es gab auch Gespräche mit europäischen Klubs, die leider gescheitert sind. Ich hatte den Eindruck, dass sie Respekt davor haben, eine Mutter mit drei Kindern aufzunehmen. Kansas City Current war eher das Gegenteil, und der Verein ist generell besonders. In unserem Stadion spielen nur wir, das Trainingsgelände wurde nur für uns gebaut. Genauso professionell ist der Umgang mit Familien: Ich kann die Kinder mit zum Training und zu den Spielen nehmen, der Verein unterstützt, wo er kann und übernimmt die Reisekosten. Die Kinder sind immer willkommen, das gibt ein sicheres Gefühl.
Und welche Vorteile bietet der Liga-Vertrag?
Es ist ein Riesenschritt. Der TV-Vertrag wurde schon 2023 abgeschlossen und bringt der Liga 240 Millionen Dollar in fünf Jahren, was deutlich mehr ist als in Deutschland. Nun wurde mit der Spielerinnengewerkschaft unter anderem beschlossen, dass das Mindestgehalt jeder Spielerin jährlich steigt. Im Moment liegt das bei 42 000 Dollar pro Jahr. 2030 soll die Summe bei 82 500 Dollar liegen. In der Bundesliga gibt es nicht mal einen Mindestlohn. Dazu kommen Anforderungen an die Infrastruktur, Ausstattung, Reisen für die Vereine. Auch die Länge des Mutterschutzes und die Unterstützung der werdenden Mütter wird geregelt. Da wird an Dinge gedacht, die in Deutschland keiner im Blick hat.
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„Das Mindestgehalt in den USA steigt auf 82 500 Dollar“
Zum Beispiel?
Es gibt beispielsweise Sonderurlaub für Frauen, die sich Eizellen für eine spätere Schwangerschaft entnehmen lassen wollen. Und Mütter verdienen in der Liga am meisten.
Warum?
Weil sie eine Art Kindergeld von der Liga bekommen. Ich verdiene ein paar tausend Euro pro Jahr mehr, weil ich eine Kinderbetreuung organisieren muss, die in den USA zum Teil zehnmal so teuer ist wie in Deutschland.
Wie ist das sportliche Niveau?
Es ist die kompetitivste Liga der Welt. Man weiß vor keinem Spiel, wer gewinnt. Es ist völlig offen, wer Meister wird. Und die Teams, die ganz unten stehen, investieren am meisten, um im nächsten Jahr vorn zu landen. Das gelingt auch sehr oft. In europäischen Ligen sind meist zwei, drei Vereine oben weg. Für Torhüterinnen ist die Liga ideal.
Warum?
Durch die Ausgeglichenheit hat man in jedem Spiel gut zu tun, und die Philosophie der Spielerinnen ist es, möglichst viel zu schießen und zu flanken. Es geht immer um den direkten Weg zum Tor.
„Ich bin deutlich weiter als beim HSV“
Auf welchem Stand sind Sie?
Ich bin deutlich weiter als beim HSV und mache jede Woche Fortschritte. Ich fühle mich fit für die Liga.
Ihr Vertrag läuft bis Ende des Jahres. Was kommt danach?
Das ist noch völlig offen.
Saudi-Arabien rüstet auch beim Frauenfußball auf. Hatten Sie ein Angebot aus der Liga?
Es wäre für mich keine Option. Manch eine sieht dort die Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten. Ich bin mir nicht sicher, wie nachhaltig der Frauenfußball dort aufgebaut wird.
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„Saudi-Arabien wäre für mich keine Option“
Ihr Expertinnen-Job bei der ARD ruht?
Die ARD hat mir die Chance, in den USA zu spielen, sofort ermöglicht. Dafür bin ich dankbar, denn im laufenden Liga-Betrieb kann ich leider bei keinen Spielen in Deutschland dabei sein. Mein Vertrag geht bis nächsten Sommer, der Job macht mir viel Spaß. Ich würde das gern weitermachen.
Wie groß ist der Traum, wieder für die Nationalmannschaft zu spielen?
Ich habe Olympia verfolgt und habe gespürt, wie gern ich dabei gewesen wäre. Ich wäre natürlich stolz, wenn ich mein Land noch einmal auf dem Platz vertreten dürfte. Aber ich kenne die Pläne des neuen DFB-Trainerteams nicht.
Welchen Eindruck haben Sie vom neuen Bundestrainer Christian Wück?
Ich habe ihn kurz kennengelernt und fand ihn sehr sympathisch. Ich habe ihn als Trainer der Jugend-Nationalmannschaften verfolgt. Da hat er für den Verband Großes geleistet und Titel gewonnen. Ich bin sehr gespannt, wen er nominiert, wie seine Spielphilosophie ist und wie er mit den Spielerinnen umgeht.
Wie fanden Sie, dass Horst Hrubesch kurz vor Olympia die Torhüterin von Merle Frohms auf Ann-Katrin Berger gewechselt hat?
Es wurde früh gesagt, dass das Rennen um die Nummer 1 offen ist. Anne hat offenbar besser zu Horsts Spielweise gepasst und das ist nun mal Trainerentscheidung.
„Es ist legitim, dass Merle Frohms mehr Zeit für Verein und Familie wollte“
Können Sie Merle Frohms verstehen, dass sie mit 29 Jahren zurückgetreten ist?
Jeder muss diese Entscheidung für sich abwägen und treffen. Sie hat viel geleistet für die Nationalmannschaft und es ist legitim, sich auf den Verein zu konzentrieren und mehr Zeit für die Familie haben zu wollen.
Welche Spielerin hat Sie angerufen und gefragt, ob sie weitermachen soll?
(lacht) Solch einen Anruf habe ich nicht bekommen. Ratschläge sind immer individuell und man könnte vermutlich sagen: Warum soll man etwas beenden, bevor man weiß, wie es wird. Wenn man das neue Trainerteam nicht kennt, kann es helfen, es einmal bei einem Länderspiel zu fühlen.
Bei der Männer-Nationalmannschaft gab es nach der EM einige Rücktritte. Ist das in der Fülle zu verkraften?
Julian Nagelsmann wird ein Gespür dafür haben, was jetzt wichtig für die Mannschaft ist. Er wird wieder etwas Gutes formen. Es kann eine große Chance sein, dass andere Spieler in den Vordergrund treten und sich freier entwickeln. Vielleicht braucht es auch ein bisschen Zeit, eine neue Hierarchie zu bilden. Aber es muss immer Spieler geben, die vorangehen.
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„Joshua Kimmich ist so etwas wie der logische Kapitän“
Ist Joshua Kimmich der ideale Kapitän?
Er hat sehr viele Länderspiele gemacht, hatte die Binde auch schon beim FC Bayern. Er ist vielleicht so etwas wie der logische neue Kapitän.
Zum Abschluss: Wird es in der Frauenfußball-Bundesliga spannend?
In gewisser Weise sicherlich. Bayern und Wolfsburg sind zwei Spitzenteams. Mal sehen, wer neben Frankfurt da oben rankommt. Dass es in der kommenden Saison 14 statt zwölf Teams in der 1. Liga gibt, finde ich gut. Es gibt einige Vereine, die den Frauenfußball richtig wollen. Union Berlin macht sehr viel richtig: Sie spielen immer in der Alten Försterei, haben professionelle Bedingungen, investieren Geld, haben nur Vollprofis. Inzwischen drängen immer mehr Teams von unten nach, dass man nachdenken kann mehr Aufsteiger in die 2. Liga zuzulassen.