Schock-Protokoll aus New York: Wie Beamte Jagd auf Migranten machen | Politik

16.11.2025 - Pazar 14:24

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New York – Mitten in Manhattan steht ein 41-stöckiger Klotz, unscheinbar, nüchtern: das Jacob K. Javits Federal Building. Von außen graue Büro-Tristesse – innen das Epizentrum des harten Kurses der Trump-Regierung gegen Migration.

Das Drehbuch ist immer gleich. Asylbewerber kommen zu Terminen, sogenannten „Master Hearings“. Überprüfung von Personalien, Adressänderungen, Alltägliches. Dann wollen sie wieder gehen. Doch ein paar Meter weiter lauern Beamte der Behörde ICE. In Zivil. Mit Masken, Kappen, Sonnenbrillen. Ein Haftbefehl? Wird nicht gezeigt. Ein Griff an den Arm, Treppenhaus, Aufzug. Nächster Halt: die Haftstation im zehnten Stock. Danach Texas, vielleicht Florida, dann oft der Flieger in die Heimat.

Familien werden im Neonlicht auseinandergerissen, während Anwälte, Beobachter, Reporter danebenstehen. Und alle rätseln: Warum dieser Mann? Warum die Frau – und nicht die neben ihr? Wochenlange Recherchen von BILD zeigen: Die alte Verbindung zwischen „Verhalten“ eines Migranten und seiner Festnahme – gekappt. Die Regierung macht keinen Unterschied mehr zwischen „Asyl beantragen“ und „illegal einreisen“. Mehr als drei Millionen Asylfälle sind offen. Auf dem Papier darf ICE jeden von ihnen in Gewahrsam nehmen.

Ein Mann wird im Jacob K. Javits Federal Building festgenommen

Ein Mann wird im Jacob K. Javits Federal Building festgenommen

Foto: Madison Swart

Die Bühne: Saal 1237

Zwölfter Stock, Raum 1237. Richterin Barbara A. Nelson führt streng und ruhig durch den Tag. Rosafarbener Teppich, Bänke aus Kirschholz, Ordnung, Disziplin. Hier wird nicht über Schicksale entschieden – noch nicht. Es geht um Logistik, um Termine. Die Tür steht offen. Wer drinnen wartet, sieht nicht, dass draußen ICE lauert.

Nelson zeigt Mitgefühl – und warnt. Wer festgenommen werde, solle sofort sagen, dass ihm bei Abschiebung Gefahr drohe. Das New Yorker Einwanderungsgericht ist für die Regierung ein Problem: höchste Anerkennungsquote in den USA, liberale Stadt, viele Gerichtsbeobachter. Einer sagt zu BILD: „Amerika ist für Menschen aus aller Welt so attraktiv, weil es eine ungeschriebene Regel gibt: ‚Du bekommst eine faire Chance.‘ Und das gilt nicht mehr.“

Viele Migranten haben Angst, zu Gerichtsterminen zu kommen

Viele Migranten haben Angst, zu Gerichtsterminen zu kommen

Foto: Madison Swart

Die Festnahmen

Ein älterer Herr steigt aus dem Aufzug. Die Beamten winken ihn in den Saal, lassen ihn gewähren. Eine Stunde später stoppt ICE ihn im Flur. „Name?“ – „Ramon.“ – „Nachname?“ – „Briceno Barrios.“ Zwei Hände an den Armen, der Mann beugt sich nach vorn, dann ziehen ihn Beamte ins Treppenhaus.

Bory aus Ecuador kommt mit Frau und Baby. Nach der Sitzung greift ICE den Vater. „Warum?“, ruft Ehefrau Lesley Moran. Kurz darauf sitzt sie draußen und weint. In der Hand der Zettel mit dem nächsten Termin: 2029! Trotzdem: Die Festnahme erfolgte schon jetzt.

Die Zahlen der neuen Härte

Nur 50 Tage nach Trumps Amtsantritt war die harte Linie sichtbar: rund 33.000 Festnahmen an öffentlichen Orten – so viele wie während Bidens Regierungszeit im ganzen Jahr 2024. Im März kündigt Trump vor dem Kongress die „größte Abschiebeoperation der amerikanischen Geschichte“ an. Millionen „krimineller illegaler Ausländer“ sollen „zurückgebracht“ werden.

Warum ausgerechnet Gerichte?

ICE-Beamte prüfen die Termine im Gerichtssaal

ICE-Beamte prüfen die Termine im Gerichtssaal

Foto: Madison Swart

Offiziell klingt es pragmatisch. Tricia McLaughlin, Vizechefin im Heimatschutzministerium, lässt erklären: In Gerichtsgebäuden zuzugreifen, spare Ressourcen – man wisse, wo die Zielpersonen sind. Und es sei sicher: Alle haben die Sicherheitskontrollen passiert, sind unbewaffnet. Täglich meldet das Ministerium Erfolge in den sozialen Medien: Räuber gefasst, Vergewaltiger von der Straße geholt.

Was ICE selbst sagt

Ein ICE-Agent spricht auf den Fluren mit BILD – wenn er anonym bleiben kann. „Wir kennen nicht nur die Namen, wir wissen auch, warum wir jemanden festnehmen“, sagt er. Willkür? „Nein.“ Viele trügen bereits Fußfesseln. Unter Biden sei die illegale Migration außer Kontrolle geraten. „Jetzt korrigieren wir das.“ Die Maskierung? „Notwendig. Zu viele Beamte wurden gedoxxt (bloßgestellt, d. Red.) und angegriffen.“

Der Systemwechsel

Die Festnahmen in New York finden öffentlich statt. Bundesbeamte verhüllen deshalb ihr ihr Gesicht

Die Festnahmen in New York finden öffentlich statt. Bundesbeamte verhüllen deshalb ihr Gesicht

Foto: Madison Swart

Jurist Aaron Reichlin-Melnick (American Immigration Council) beobachtet ICE seit Jahren. Früher holten die Beamten Leute in Gefängnissen ab – Personen, die ohnehin schon in Gewahrsam waren. „Im Mai änderte sich alles“, sagt er. Die Regierung setzte nicht mehr nur auf Kriminalfälle, sondern zielte auf Sammelpunkte: Supermarkt-Parkplätze, Treffpunkte, Flure der Gerichte. Zielzahl: 3000 Festnahmen am Tag. „Direkt danach änderte ICE die Praxis“, sagt Reichlin-Melnick. „Ob jemand vorbestraft ist, war plötzlich zweitrangig.“

Das Gesetz gibt ICE Rückendeckung: Jeder Ausländer im Asylverfahren kann festgenommen werden – ohne Straftat. Wer aus dem Gerichtsgebäude heraus verhaftet wird, rutscht aus der Zuständigkeit des milderen Einwanderungsgerichts (unter dem Justizministerium) in die viel härtere Welt von ICE und Heimatschutz. Neue Richter, andere Orte: Haftzentren statt Weltmetropole. Die Anerkennungsquote: niedriger. Die Verfahren: schneller.

Eine Frau schreit die ICE-Beamten an, nachdem sie einen ihrer Angehörigen festgenommen haben

Eine Frau schreit die ICE-Beamten an, nachdem sie einen ihrer Angehörigen festgenommen haben

Foto: Madison Swart

Anwälte auf dem Flur

Benjamin Remy und Allison Cutler (New York Legal Assistance Group) stehen fast täglich auf den Fluren von 26 Federal Plaza. Sie rufen Asylsuchenden ihre Rechte zu: Nichts sagen, keiner Durchsuchung zustimmen, Anwalt verlangen. Cutler zu BILD: „Alle suchen Logik. Aber es ist zwecklos.“

Keine Straftaten nötig

BILD schickt dem Heimatschutzministerium eine Liste mit fünf Festgenommenen. Antwort: Nur einer sei wegen Gewaltdelikten gegriffen worden, ein Zweiter wegen Urkundenfälschung und Verkehrsverstößen. Ob Verurteilungen vorliegen? Unklar. Die übrigen drei – schlicht „illegal eingereist“. Mehr braucht es nicht.

BILD-Reporter Tim Röhn spricht mit Lesley Moran, nachdem ihr Mann gerade festgenommen wurde

BILD-Reporter Tim Röhn spricht mit Lesley Moran, nachdem ihr Mann gerade festgenommen wurde

Foto: Madison Swart

Das Dilemma der Migranten

Kommen und riskieren – oder fernbleiben und alles verlieren? Ein Mann wählt aus Angst die Video-Schalte. „Warum sind Sie nicht hier?“, fragt Richterin Nelson. „Ich habe Angst, verhaftet zu werden.“ Nelson setzt einen neuen Präsenztermin fest: Wer nicht erscheint, bekommt eine Abschiebungsanordnung. Punkt.

10. Oktober. Saal voll, Flur voll. Ein junger Ecuadorianer kommt zu spät, anderthalb Stunden. Adressen-Änderung nicht rechtzeitig gemeldet. „Warum?“, fragt die Richterin scharf. Er stammelt: Er habe die neue Adresse nicht gekannt, das Stockwerk verwechselt, vieles sei anders. „Sie bringen sich in Gefahr“, sagt Nelson. Die Adresse landet im System.

Dann die Lotterie. Zehn Meter bis zum Aufzug, links, rechts – dort standen eben noch ICE-Beamte. Jetzt ist niemand da. Der junge Mann schafft es in die Kabine, fährt hinunter, tritt auf die Straße. Auf seinem Hoodie: „New York – City of Dreams.“ Er ist frei. Vorerst.

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