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„Es ist, als ob du im Himmel bist – und Gott zeigt dir noch mal deine schönen Sachen. Gänsehaut, geil!“
Jan Ullrich (50) war glücklich. Richtig glücklich. Ende Mai weihte er in Bad Dürrheim (Baden-Württemberg) sein „Jan Ullrich Cycling Museum“ ein. Den geladenen Gästen gab Ullrich eine persönliche Führung, erzählte viele Anekdoten, blühte zwischen seinen ausgestellten Trophäen, Trikots und Rädern auf. Am Abend wurde er bei einer Talk-Veranstaltung im „Haus des Gastes“ von den Zuschauern mit viel Applaus und noch mehr Jubel begrüßt. Ullrich nahm sich rund fünf Stunden Zeit, erfüllte jeden Autogramm- und Selfie-Wunsch.
Groß war seine Angst, wie die Öffentlichkeit sein spätes Doping-Geständnis im Jahr 2023 und die vielen unschönen Details um seinen Alkohol- und Drogen-Absturz 2018 aufnehmen würde. Jetzt weiß er: Die Fans lieben ihre Rad-Legende „Ulle“, 1997 einziger deutscher Tour-de-France-Sieger, noch immer. Sie haben ihm verziehen.
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Jan Ullrich hat eine Menge Energie, allerdings keinerlei kriminelle. Und trotzdem ist er oft von der Strecke abgekommen und mit dem Gesetz kollidiert. Nicht alles ist entschuldbar, aber vieles erklärbar. Die Geschichte von Jan Ullrich ist auch die eines Menschen, der ohne klare Strukturen im Leben und ohne Führung oder Halt schnell die Kontrolle verliert. Mal leichtsinnig, mal leichtgläubig, nie bösartig. Die Kriminalakte von Ullrich ist prall gefüllt – mit ihm als Täter, aber auch als Opfer.
Flucht in Alkohol und Drogen sind ein wiederkehrendes Motiv bei Ullrich, wenn ihm seine täglichen Routinen und Anker wegbrechen. 2002 ist so ein Jahr, in dem ihm das erste Mal richtig die Kontrolle entgleitet. Wegen einer Knieverletzung ziehen ihn die Ärzte für fast alle Rennen, auch die Tour, aus dem Verkehr. Ullrich ist frustriert und ohne Aufgabe – eine gefährliche Gemengelage. In seiner neuen Autobiografie „Himmel, Hölle – und zurück ins Leben“ schreibt er: „Und wieder kompensierte ich meinen Frust, indem ich nachts auf die Piste ging. Ich hatte ja sonst nichts zu tun.“
Im Mai 2002 zerlegt er mit seinem Porsche 911 und 1,41 Promille im Blut einen Fahrradständer am Freiburger Hauptbahnhof, begeht Fahrerflucht. Ullrich verliert für ein Jahr den Führerschein, muss 70 Tagessätze Geldstrafe zahlen, eine genaue Summe wird damals nicht bekannt. Von seinem damaligen Team Telekom gibt es einen Einlauf, aber keine Strafe.
[–>Nur kurze Zeit später, im Juni 2002, schluckt Ullrich in einem Club in München zwei Ecstasy-Pillen – was schließlich durch eine positive Doping-Probe ans Licht kommt. Er wird für ein halbes Jahr gesperrt, zu 30 000 Euro Strafe verurteilt. Schmerzhafter und teurer: Sponsor Adidas (300 000 Euro pro Jahr) schmeißt ihn raus, im September kommt es dann zur Trennung von Team Telekom, das Ullrichs Gehalt massiv kürzen will.
Natürlich weiß Ullrich („eine Riesen-Dummheit“), dass er Mist gebaut hat. Aber er kann den Flucht-Mechanismus in den Rausch nicht ausschalten, auch viele Jahre später nicht.
Im Mai 2014 rammt Ullrich mit 1,85 Promille und viel Valium im Blut auf einer Landstraße in Mattwill/Schweiz zwei Autos, es kommt zu 66 300 Euro Sachschaden, wie durch ein Wunder gibt es keine Schwerverletzten. Doch diesmal droht Ullrich – der zu dieser Zeit mit seiner Familie in Scherzingen auf der Schweizer Seite des Bodensees lebt – der Knast. Denn das Schweizer Gesetz sieht vor, dass Geschwindigkeitsübertretungen ab 60 km/h als „Raser-Delikte“ mit mindestens einem Jahr Haft bestraft werden. Ullrich ist laut Gerichts-Gutachten 63 km/h zu schnell gewesen. Am Ende wird einem Gegen-Gutachten mit nur 52 km/h geglaubt. Ullrich wird zu 21 Monaten Haft, ausgesetzt zu vier Jahren Bewährung, und 10 000 Franken Geldstrafe verurteilt. Sein Führerschein wird ihm dauerhaft entzogen, erst 2021 macht er einen neuen.
Ullrich sitzt nicht im Gefängnis, aber zu dieser Zeit schon in einem tiefen, dunklen mentalen Loch. Der Doping-Rausschmiss 2006 bei T-Mobile, das offizielle Karriere-Ende 2007, die jahrelange Aufgabenlosigkeit und das Unverständnis über den Liebes-Entzug vieler Fans und der Medien haben ihm schwer zugesetzt. Alkohol und nun auch Kokain sind mal wieder seine Flucht. Ullrich: „Es war, als würde sich ein Nebel um meinen Kopf bilden, der die bösen Gedanken zumindest ein Stück weit fernhielt.“
[–>Und böse Gedanken gibt es zu dieser Zeit viele. Denn 2006 ist der Wendepunkt im Leben von Ullrich, der Jahre später zur totalen Eskalation führen und ihm fast das Leben kosten wird. Seine Verbindungen zum spanischen Doping-Arzt Eufemanio Fuentes werden bekannt. Ullrich leugnet alles, doch seine Karriere ist beendet. Das Anti-Doping-Gesetz in Deutschland wird erst 2015 eingeführt, in den diversen folgenden Gerichtsverfahren muss sich Ullrich u.a. wegen „Täuschung und Betruges zum Nachteil seiner Arbeitgeber“ verantworten. Dieses Verfahren wird gegen Zahlung einer sechsstelligen Summe eingestellt, da Ullrich geringe kriminelle Energie unterstellt wird und er nur tat, was damals alle taten im Radsport – zu dopen. Erst 2023 gibt Ullrich EPO- und Blut-Doping zu. Bis dahin ist er überzeugt, niemanden betrogen zu haben (weil er sich nur Chancen-Gleichheit verschaffte) – und versteht deshalb auch nicht, warum ihn alle dafür verurteilen. Zu BILD sagte Ullrich mal: „Niemand hat so ein vernarbtes Herz wie ich.“ Er schweigt und leidet. In seiner Autobiographie schreibt er: „Es war ein Schweigen, das mich schließlich kaputt gemacht hat.“
Eine gigantische Stütze ist ihm lange seine Frau Sara, mit der er seit 2006 verheiratet ist und zusammen drei Kinder hat. Doch irgendwann kann auch sie nicht mehr. Mit den Kindern flüchtet sie 2018 von Mallorca (2019 folgt die Scheidung) – wo sich die Familie ein neues, sorgenfreies Leben aufbauen wollte – zurück nach Deutschland. Ullrich verfällt auch auf der Urlaubs-Insel immer wieder in alte Muster, bleibt schließlich in seiner Rausch- und Wahn-Welt alleine auf der gemieteten Finca zurück. Ohne die starke Sara an seiner Seite fliegt der letzte Kitt aus Ullrichs Leben. Der Verlust seiner Kinder zerstört ihn innerlich. Ullrich eskaliert.
Sein Haus wird zu einem Treffpunkt für einen Haufen zwielichtiger Typen. Auf unzähligen Partys wird gekokst, massenweise Whiskey getrunken. In seinem Schlafzimmer deponiert Ullrich einen Haufen Bargeld für die Dealer. Im August 2018 randaliert er auf der Nachbar-Finca von Schauspieler Til Schweiger. Der ruft die Polizei, erstattet Anzeige. Ullrich verbringt eine Nacht im Mallorca-Knast, beschreibt in seinen Erinnerungen: „Es gab kein richtiges Bett, sondern bloß einen großen Stein, auf den man eine Auflage gelegt hatte. Sie war grün und gelb … Nicht mal eine Toilette gab es. Das erklärte wiederum den Gestank. Man verrichtete einfach sein Geschäft vor Ort. Ich schaute mir die Wände an. Sie waren mit Fäkalien beschmiert. Ich musste würgen. So etwas Widerliches hatte ich noch nie gesehen.“ Am nächsten Tag kommt Ullrich wieder frei, Schweiger – mit dem er heute wieder eine freundschaftliche Beziehung hat – zieht seine Anzeige anschließend zurück.
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Verstörende Videos und Fotos von Ullrich werden nun öffentlich. Er raucht teilweise drei Zigaretten gleichzeitig, hat wild rasierte Haare. Nur seiner Vergangenheit als Leistungssportler sei es zu verdanken, so hört man es später oft aus seinem Umfeld, dass er diese Zeit überlebt habe. Ullrich flüchtet im Privatjet von Mallorca, sorgt im Luxus-Hotel „Villa Kennedy“ in Frankfurt/Main für den nächsten Polizei-Einsatz. Es kommt auf seinem Zimmer zu einer Auseinandersetzung mit einer Prostituierten, Ullrich wird über Nacht in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Für diesen Vorfall verhängte das Gericht später einen Strafbefehl über 7200 Euro (180 Tagessätze zu je 40 Euro) wegen des Verdachts der Körperverletzung und der versuchten Nötigung.
In dieser Zeit wird Ullrich nun auch zum Opfer. Ein Deutscher wanzt sich an ihn ran. Er verkauft Ullrich eine vermeintliche Wunder-Maschine, die angeblich den Körper von innen reinigen und sogar Krebs heilen kann. Er sorgt dafür, dass Ullrich immer weiter isoliert wird. Und er erschleicht sich schließlich, als kaum noch ein anderer Zugriff auf ihn hat, eine (finanzielle) Generalvollmacht von Ullrich. Aber der gefallene Rad-Star – der in seiner Karriere geschätzte 20 Mio. Euro verdiente – hat Glück. Mit der Vollmacht wird kein Schaden angerichtet, sie wird später vom Gericht wieder einkassiert. Auf Klagen verzichtete die Ullrich-Seite. Finanziell soll die Absturz-Zeit für Ullrich einigermaßen glimpflich geendet sein. Dem Vernehmen nach ging für Alkohol, Drogen, Privatjet und teilweise bis zu 13 Finca-Angestellte eine hohe sechsstellige Summe drauf. Mittellos, wie oft kolportiert wurde, sei Ullrich danach nicht gewesen. Dafür sei glücklicherweise die Zeit zu kurz gewesen.
Es sind einige Menschen, die Ullrich ab Spätsommer 2018 ins Leben zurückholen, ihn abschotten, aufbauen, die nötigen Therapien in die Wege leiten. Wie sein Freund und heutiger Manager Mike Baldinger. Oder sein damals großer Rad-Rivale Lance Armstrong. Der fliegt Ende 2021, als Ullrich einen Rückfall erleidet und in Cancún strandet, nach Mexiko. Armstrong schilderte in der ARD-Doku „Being Jan Ullrich“: „Er war ans Bett gefesselt, ohne Bewusstsein. Es war das Allerschlimmste.“
Es ist der letzte Rückschlag für Ullrich. Damit es so bleibt, wird versucht, ihm ein maximal stabiles Umfeld zu bauen. Mit der Amazon-Prime-Doku „Jan Ullrich – Der Gejagte“, seinem Doping-Geständnis 2023 sowie der gerade erschienenen Biografie wurde die dringend nötige Vergangenheits-Bewältigung abgeschlossen. Nun geht der Blick nur noch nach vorne. Ullrich – der mit seiner kubanischen Freundin Elizabeth Napoles und zwei Hunden in Merdingen (Baden-Württemberg) lebt – veranstaltet im Sommer regelmäßig Rad-Touren in Frankreich („Re:Tour“), ist bei der diesjährigen Tour de France für Eurosport als Experte im Einsatz. Weitere berufliche Projekte sollen stückweise folgen. „Es ist wichtig, dass er Aufgaben hat“, sagt ein Freund zu SPORT BILD. Damit die Dämonen nicht zurückkehren.
[–>Es war nicht leicht für sein Umfeld, Ullrich von der Aufarbeitung seiner selbstzerstörerischen Vergangenheit zu überreden. Das gibt er bei der Eröffnung seines Museums in Bad Dürrheim zu: „Ich hatte seit Jahrzehnten einen Verdrängungsmodus. Mein Freundeskreis hat mich überredet: Lass es alles mal raus! Aber da war sehr viel Überredungskunst notwendig. Denn in meinem Kopf war das wie ein Mount Everest.“ Den er erklommen hat: „Ich stehe jetzt mit beiden Beinen wieder im Leben, bin in meiner Mitte. Das tut gut.“
Die Kriminalakte Jan Ullrich ist geschlossen. Sie soll es für immer bleiben.
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