Gütersloh – Das Bürgergeld (heißt bald „Grundsicherung“) soll Menschen in schwierigen Lebenslagen temporär aus der Patsche helfen. Doch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zum Ergebnis: Mehr als die Hälfte der befragten Bürgergeld-Empfänger hat in den zurückliegenden vier Wochen nicht nach einer Arbeitsstelle gesucht.
Die meisten berichten von gesundheitlichen Problemen
Laut der am Donnerstag von der Stiftung veröffentlichten Studie verwiesen die Teilnehmer zur Begründung am häufigsten auf psychische oder chronische Erkrankungen sowie auf zu wenig passende Stellen. Zwischen April und Juni wurden etwa tausend Bürgergeldbezieher im Alter von 25 bis 50 Jahren befragt.
Wie die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh berichtete, gaben 57 Prozent der Teilnehmer bei ihrer Befragung an, im zurückliegenden Monat nicht nach einem neuen Job gesucht zu haben.
Die Gründe
▶︎ 74 Prozent oder etwa drei Viertel der nicht aktiv nach Stellen suchenden Befragten verwiesen auf gesundheitliche Probleme.
▶︎ 49 Prozent oder knapp die Hälfte begründeten dies demnach mit „zu wenigen passenden Stellen“.
Weitere Probleme:
• Ein Viertel oder 25,5 Prozent aus dieser Befragtengruppe gab an, ihre finanzielle Lage würde sich durch die Jobsuche nicht verbessern.
• 22 Prozent oder etwas mehr als ein Fünftel waren nach eigenen Angaben durch die Pflege von Kindern oder Angehörigen gebunden.
• Elf Prozent gaben an, sich mit „Gelegenheitsarbeiten“ finanziell über Wasser zu halten.
Was muss sich ändern?
Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung beziehen derzeit 1,8 Millionen Menschen in Deutschland laut Statistik Bürgergeld , sind arbeitslos gemeldet und somit grundsätzlich erwerbsfähig.
Die Stiftung wertete die Ergebnisse als Beleg für die Notwendigkeit einer veränderten Herangehensweise. „Wenn chronische oder psychische Krankheiten keine realistische Chance auf eine Integration in den Arbeitsmarkt bieten, dann sollte ein Wechsel aus der Grundsicherung in ein besser passendes Unterstützungssystem wie die Sozialhilfe oder die Erwerbsminderungsrente geprüft werden“, erklärte deren Experte Tobias Ortmann. Notwendig sei ein „konstruktiver Umgang mit der Situation“.
Insgesamt berichteten 45 Prozent aller befragten Bürgergeldbezieher von psychischen oder chronischen Erkrankungen.
43 Prozent gaben an, noch kein Stellenangebot vom Jobcenter erhalten zu haben. 38 Prozent gingen nach eigenen Angaben bislang bei Weiterbildungsmaßnahmen leer aus. Angebote dafür unterbreiten Jobcenter laut Befragung vor allem Hauptschulabsolventen – seltener aber Frauen, vor allem mit Kindern.
Empfänger investieren wenig Zeit in Suche
Selbst unter den aktiv Suchenden investieren der Studie zufolge die meisten „vergleichsweise wenig“ Zeit in die Recherche zu offenen Stellen. 20 Stunden oder mehr pro Woche verbringen damit nur sechs Prozent. 26 Prozent investieren bis zu neun Stunden pro Woche in die Jobsuche.
„Die Jobcenter müssen den Schwerpunkt neu setzen“, erklärte Roman Wink, ein weiterer Arbeitsmarktexperte der Stiftung, mit Blick auf die Umfrage des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung und des Soko-Instituts. „Weniger Bürokratie, mehr Vermittlung – Jobcenter müssen Menschen in passende Arbeit bringen“, fügte er hinzu.
Zielgruppe der Studie der Institute waren laut Stiftung erwerbsfähige Leistungsbezieher zwischen 25 und 50 Jahren, die mindestens seit einem Jahr Bürgergeld erhalten und arbeitslos oder arbeitssuchend sind. Die Stichprobe der insgesamt 1006 Befragten wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit gezogen. Die Gesamtbefragung ist demnach thematisch breiter angelegt und soll Erkenntnisse zur Lebensrealität von Bürgergeld-Empfängern und zu Hemmnissen bei der Arbeitsaufnahme liefern.
Kritik an der Studie
Der Paritätische Gesamtverband kritisierte die öffentliche Darstellung der Ergebnisse. Die Studie erfasse ausschließlich Langzeitbeziehende von mehr als einem Jahr im Bürgergeld und nicht „die Bürgergeldbeziehenden“ insgesamt, was das Bild verzerre.
Die Aussage, die Hälfte suche keinen Job, sei irreführend. Tatsächlich hätten 59 Prozent der Nicht-Suchenden legitime Gründe wie Krankheit oder die Teilnahme an einer Maßnahme. Von den übrigen 41 Prozent seien wiederum 73 Prozent aktiv auf Arbeitssuche.