Cem Özdemir im BILD-Interview: Sind Sie sich mit den Grünen noch grün? | Politik

21.12.2025 - Pazar 04:35

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Stuttgart – Cem Özdemir war Grünen-Chef, Bundeslandwirtschaftsminister, Bundesbildungsminister – und möchte 2026 Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden. Die Chancen dafür stehen momentan nicht gut. BILD hat nachgefragt, wie er das Ruder rumreißen will.

Özdemir, der am Sonntag seinen 60. Geburtstag feiert („Zuhause in Stuttgart mit Freunden“), frotzelt im Gespräch gut gelaunt über Bayern-Ministerpräsident Markus Söder (58, CSU): Der habe „einen Nebenjob als Foodblogger“ und „offensichtlich mehr Zeit als ein baden-württembergischer Ministerpräsident“ – und inszeniert sich als Grüner Rebell, der mit der Bundespartei (fast) nichts zu tun habe.

BILD: Aus Berlin kommt kein Rückenwind, Ihre Partei liegt in der Sonntagsfrage etwa bei 13 Prozent. Wie wollen Sie die Leute dazu bringen, die Grünen zu wählen, um dann Sie als Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg zu haben?

Cem Özdemir: Hier stehen die baden-württembergischen Grünen zur Wahl, mit mir an der Spitze.

Sie haben 2021 gesagt, Olaf Scholz müsste seine Partei verstecken. Das klingt bei Ihnen ähnlich …

Ich verstecke nicht die baden-württembergischen Grünen. Die baden-württembergischen Grünen sind eine Partei, die schon 1980 Winfried Kretschmann im Landtag hatte, die 1992 schon mal als erste Partei überhaupt ein Sondierungsgespräch mit der CDU geführt hat. Wir sind hier in der Mitte der Gesellschaft, führende Kraft mit 32 Prozent.

Verstecken Sie die Bundes-Grünen?

Ich verstecke die nicht, sondern wir sind so ein bisschen was wie das gallische Dorf. Ob ich jetzt eher Asterix oder Obelix bin, das überlasse ich Ihnen.

Was passiert, wenn es nicht für Platz 1 reicht? Bleiben Sie dann trotzdem hier?

Ich kandidiere für den Landtag in Baden-Württemberg – ohne Netz, ohne doppelten Boden.

Ihre Eltern hätten sich gewünscht, dass Sie in die SPD eingetreten wären statt bei den Grünen. Sie sind doch konservativ – warum sind Sie eigentlich nicht in der CDU?

Das mit der SPD hat damit zu tun, dass meine Eltern Arbeiter waren. Die haben beide in der Fabrik gearbeitet. In der Türkei kannten sie die Sozialdemokraten, denen fühlten sie sich verbunden und haben sich gewünscht, dass ihr Sohn auch in die Sozialdemokratie geht. Das kam dann anders wegen des Themas Umweltschutz, Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Das war für mich der entscheidende Grund, zu den Grünen zu gehen.

Der kleine Cem in kurzen Hosen in seiner Heimatstadt Bad Urach (rund 13.000 Einwohner). Seit 2024 ist Özdemir dort Ehrenbürger

Der kleine Cem in kurzen Hosen in seiner Heimatstadt Bad Urach (rund 13.000 Einwohner). Seit 2024 ist Özdemir dort Ehrenbürger

Foto: PRIVAT

Boris Palmer, ehemals Grüner und aktuell Oberbürgermeister in Tübingen, hat Ärger mit dem Datenschutzbeauftragten – weil er einem Bürger öffentlich zum 75. Geburtstag gratuliert hat. Was läuft da schief?

Ich finde Datenschutzbeauftragte sehr wichtig. Aber die haben genug zu tun. Geburtstage gehören bitte nicht dazu. Wenn jemand ein Problem damit hat, dass ihm der Bürgermeister zum Geburtstag gratuliert, dann schreibt er hin und sagt: „Ich wünsche mir nächstes Jahr keinen Geburtstagsglückwunsch“ – dann streicht man den Namen in der Liste und gut ist es. Man kann die Probleme auch einfach lösen. Man muss dafür nicht den Datenschutzbeauftragten mobilisieren.

Wäre Palmer willkommen bei Ihnen, wenn er wieder bei den Grünen eintreten wollen würde?

In der Weihnachtszeit heißt es: „Was ihr getan habt, diesem einer meiner Geringsten, das habt ihr mir getan. Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Das Maß, mit dem ihr messt, mit dem werdet ihr gemessen werden.“ Insofern freue ich mich, dass Boris Palmer und ich eng zusammenarbeiten. Er berät mich auch in vielen Fragen. Und alles andere wird man sehen.

Waren Sie schon auf dem Weihnachtsmarkt?

In Stuttgart und in Ludwigsburg, zu viel mehr hat es leider nicht gereicht, obwohl ich Weihnachtsmärkte sehr mag. Und ich bedauere sehr, dass die Weihnachtsmärkte von heute leider anders aussehen müssen wegen der Sicherheitsvorkehrungen. Das ist sehr bedauerlich, aber wir sehen ja an den schrecklichen Bildern aus Australien, dass es leider notwendig ist, weil die Zeit sich geändert hat. Und umso dankbarer muss man sein, dass im Hintergrund viele Menschen, die wir gar nicht so wahrnehmen, dafür sorgen, dass alles sicher zugeht, etwa unsere Polizeibeamten.

Özdemir mit seiner Partnerin Flavia Zaka (40, Anwältin aus Kanada) beim Landespresseball in Stuttgart. Das Paar wohnt seit August in einer gemeinsamen Wohnung in der Stadt

Özdemir mit seiner Partnerin Flavia Zaka (40, Anwältin aus Kanada) beim Landespresseball in Stuttgart. Das Paar wohnt seit August in einer gemeinsamen Wohnung in der Stadt

Foto: picture alliance/dpa

Wie sicher fühlen Sie sich da?

Wir können uns keine Sekunde leisten, nicht aufmerksam zu sein. Ob es der Verfassungsschutz ist, unsere Bundespolizei, die Landespolizei – alle sind in höchstem Maße wachsam, geben alles, und wir müssen dafür sorgen, dass sie auch die entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten haben. Ob es jetzt Zugang zu Daten ist, ob es die Ausstattung ist, ob es ihre Arbeitsbedingungen sind. Und jetzt mit Blick auf Weihnachten und vor allem auch Silvester, (…) da muss ich schon dran denken, ob die Polizei da immer auch anständig dafür honoriert wird und ihr gedankt wird. Hier schützt unsere Polizei unsere Demokratie, dafür kann man ruhig mal dankbar sein. Man muss die Polizisten nicht beleidigen.

Heißt konkret?

Eine Form der Anerkennung wäre die Polizeizulage, die sie bekommen. Bei der Bundespolizei liegt sie bei 228 Euro. Leider liegen wir in Baden-Württemberg deutlich darunter. Jedes Bundesland hat das für sich geregelt. Ich fände es gut, wenn dieser Zuschuss als Anerkennung für die besondere Gefährdung bundesweit geregelt wird. Gerne auf bundesweitem Niveau.

Winfried Kretschmann (77, Grüne, r.) regiert seit 15 Jahren in Baden-Württemberg. Özdemir möchte ihm nachfolgen – und setzt auf Angela Merkels „Sie kennen mich“-Methode

Winfried Kretschmann (77, Grüne, r.) regiert seit 15 Jahren in Baden-Württemberg. Özdemir möchte ihm nachfolgen – und setzt auf Angela Merkels „Sie kennen mich“-Methode

Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Haben Sie da eine Vorstellung?

Die Summe, die der Bund zahlt: 228 Euro. Das ist viel Holz für die Länder, aber ich glaube, das ist auch mit Blick auf das, was uns an Silvester in manchen Städten erwarten dürfte, eine angemessene Anerkennung für die Arbeit unserer Polizisten. Ich habe das ja auch lange gesehen, als ich beruflich in Berlin war – das ist schon eine extreme Zumutung. Ich würde aber trotzdem nicht so weit gehen und sagen, dass man ein bundesweites Böllerverbot braucht.

Was mich ärgert, ist: Da gibt es einige Durchgeknallte, die über die Stränge schlagen – und Leute, die auf dem Land sind und mit ihren Kindern zusammen eine Rakete zünden, sollen den Preis dafür zahlen. Da machen wir lieber böllerfreie Zonen in den Städten, aber der Rest des Landes wird nicht bestraft für etwas, wofür er nichts kann.

Özdemir will Sicherheitskonzept für „unsichere Orte“

Als BILD ihn später noch einmal auf Silvester anspricht, legt Özdemir nach – und fordert ein umfassendes Sicherheitskonzept.

Ich will das angeschlagene Sicherheitsgefühl im Land in Ordnung bringen, wenn es nötig ist, auch mit robusten Maßnahmen. Wer unsere freie Lebensweise attackiert oder abschaffen will, ist mein Gegner; egal woher er kommt.

Özdemir fordert: „Wir brauchen ein Gesamtkonzept für sichere öffentliche Räume. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir Kommunen einfache und pragmatische Regeln für Videoüberwachung an unsicheren Orten ermöglichen.“ Zudem sollten „Pilotprojekte wie die intelligente, KI-gestützte Videoüberwachung in Mannheim ausgeweitet werden“.

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