Interview mit Peter Adrian: Wann geht es endlich wieder aufwärts, Mister Wirtschaft? | Politik

13.07.2025 - Pazar 06:54

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Berlin – Zum Start ins Kanzleramt gab Friedrich Merz (69, CDU) Anfang Mai ein Versprechen: Bis zur Sommerpause solle sich die Stimmung im Land bessern.

Jetzt beginnt die Sommerpause. Und eine neue Studie belegt: 80 Prozent der Deutschen blicken mit Sorge auf ihre finanzielle Zukunft. Wie also steht es wirklich um unser Land?

BILD traf Mr. Wirtschaft, Peter Adrian (69). Adrian ist Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), in der hunderttausende Firmen organisiert sind.

BILD: Deutschlands Firmen stecken im dritten Rezessionsjahr. Welche Schulnote geben Sie dem Zustand unserer Wirtschaft?

PETER ADRIAN: Eine Vier. Wir hoffen, dass wir bald auf die Drei oder vielleicht sogar eine Drei plus kommen. Aber aktuell ist die Lage nicht gut.

Kanzler Merz hat versprochen, dass zur Sommerpause ein Stimmungsumschwung spürbar sein soll. Ist dieses Ziel erreicht?

Noch nicht. Es ist verständlich, dass die Regierung ein Interesse an schnellen Erfolgen hat. Aber sie ist noch keine 100 Tage im Amt – und es gibt viel zu tun.

Fordert von der neuen Regierung u.a. schnelle Entlastungen bei den Sozialbeiträgen: Peter Adrian – seit vier Jahren Präsident der Handelskammern (DIHK)

Fordert von der neuen Regierung u.a. schnelle Entlastungen bei den Sozialbeiträgen: Peter Adrian – seit vier Jahren Präsident der Handelskammern (DIHK)

Foto: Christian Lohse/Bild

Die Koalition plant ein Investitionspaket, entlastet ab 1. Januar 2026 um zehn Milliarden Euro. Zu wenig?

Es geht nicht nur um Summen, sondern um Glaubwürdigkeit. Im Koalitionsvertrag steht klipp und klar, dass die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß gesenkt werden soll – für alle. Jetzt wird sie aber nur für energieintensive Industrie, Land- und Forstwirtschaft gesenkt. Das ist für viele Unternehmer eine herbe Enttäuschung.

Was muss denn Ihrer Meinung nach jetzt dringend passieren?

Ich habe dem Kanzler drei konkrete Vorschläge gemacht. Alle kosten nichts, wären aber ein Signal. Erstens: die Änderungen am Gebäudeenergiegesetz („Heizungsgesetz“, d. Red.) zurücknehmen. Zweitens: Das deutsche Energieeffizienzgesetz abschaffen – wir haben schon europäische Vorgaben. Und drittens: Eine Berichtspflicht für Unternehmen ersatzlos streichen. So etwas würde sofort Vertrauen schaffen.

Warum sollten die Bürger dann glauben, dass es in Deutschland aufwärts geht?

Weil Reformen angekündigt sind – bei Bürokratie, Energiekosten, Planungsverfahren. Die Frage ist nur: Werden den Worten Taten folgen?

Beim Mindestlohn z. B. wurden die von der SPD versprochenen 15 Euro aber nicht erreicht. Der Mindestlohn soll stattdessen 2026 auf 13,90 Euro/Stunde steigen. Schlecht oder gut?

Gut. Weil die Entscheidung bei der Mindestlohnkommission lag – also bei den Tarifpartnern. Die Politik hat sich diesmal rausgehalten. Das ist ein gutes Zeichen.

Sie beschweren sich sonst, dass die Sozialabgaben zu stark steigen. Jetzt steigt der Mindestlohn – und Sie begrüßen das. Wie passt das bitte zusammen?

Der Mindestlohn wird auch deshalb erhöht, weil bei Sozialabgaben und Steuern zu viel vom Bruttolohn verloren geht. Wir brauchen dringend eine Reform der sozialen Sicherungssysteme – Rente, Pflege, Krankenkassen. Am besten jetzt.

Peter Adrian im Gespräch mit BILD (Christin Martens und Jan Schäfer) im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin

Peter Adrian im Gespräch mit BILD (Christin Martens und Jan Schäfer) im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin

Foto: Christian Lohse/Bild

Bis wann müssen die Reformen kommen?

Ich glaube, die Unternehmen brauchen zeitnah eine entsprechende Entlastung beziehungsweise entsprechende Maßnahmen von Seiten der Bundesregierung. Zeitnah heißt: Das muss eigentlich dieses Jahr passieren. Und es ist auch im Interesse der Regierung. Weil das, was die da machen, löst ja nicht unbedingt Begeisterungsstürme aus.

Die Entlastung bei Sozialbeiträgen muss also zum Jahreswechsel 2025/26 kommen?

Es wäre wünschenswert, wenn wir jetzt das erste Jahr der neuen Regierung nutzen könnten, um diese Reformen in Angriff zu nehmen. Um erste Signale zu senden, um die Systeme in eine andere Richtung zu entwickeln.

Bedeutet: Entlastung ab 2027?

Ja!

Viele Firmenchefs und auch der Kanzler fordern, dass die Deutschen mehr arbeiten sollen. Ist das der richtige Weg aus der Krise?

Fakt ist: Unsere Arbeitsproduktivität stagniert. Im OECD-Vergleich arbeiten Beschäftigte in Deutschland im Schnitt 1350 Stunden im Jahr – der Durchschnitt liegt bei 1750. Das ist ein Delta (eine Lücke, d. Red.) von 400 Stunden. Da müssen wir ran.

Also weniger Urlaub, mehr Arbeitsstunden/Woche?

Wichtig wäre, dass mehr Menschen Vollzeit arbeiten können – gerade Frauen. Dafür brauchen wir z. B. bessere Kinderbetreuung. Auch über einen Feiertag weniger kann man diskutieren.

Welchen würden Sie streichen?

Ich persönlich hätte mit dem Pfingstmontag kein Problem. Aber natürlich weiß ich, dass das viele anders sehen. Es geht darum, die Diskussion zuzulassen.

Müssen viele Arbeitnehmer nicht künftig sowieso mehr arbeiten – weil sie neben dem Job noch Bundeswehr-Reservisten sind?

Das ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Wir als Unternehmer werden versuchen, da mitzuhelfen. Wir müssen wissen: Wer im Unternehmen ist Reservist? Wer könnte eingezogen werden? Das wird auf uns zukommen.

Gab es dazu schon Gespräche mit der Regierung?

Wir haben das mit der Regierung schon andiskutiert und unsere Bereitschaft signalisiert, dass wir da als DIHK koordinierend über die 79 Kammern in Deutschland mitwirken.

Sie sind wie Kanzler Merz Pilot. Sind Sie schon mal gemeinsam geflogen?

Leider nicht.

Würden Sie es gerne tun?

Ich hätte nichts dagegen. Ich weiß, dass er das gut kann.

Und wohin würden Sie mit dem Kanzler fliegen?

Ich habe eine Präferenz für den Süden. Wir betreiben in Oberpfaffenhofen den größten Forschungsflughafen. Insofern hätte ich ihn eingeladen mal zu sehen, was in Sachen Luft- und Raumfahrt, neue Flugzeugtechnologien präsentiert werden kann.

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