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Magdeburg-Anschlag: Behörden hatten 80 Hinweise, aber sie taten nichts | Politik
31.12.2024 - Salı 13:26
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Er bedrohte Politiker, Staatsanwälte, Ärztekammer, drohte mit Anschlägen. Es gab 80 Hinweise, und niemand hielt ihn auf ...
Stattdessen raste Taleb al-Abdulmohsen auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ungehindert fünf Menschen tot und verletzte 235 teils schwer.
Wie konnte der Magdeburg-Mörder jahrelang durch alle staatlichen Kontroll-Raster rasseln? Insgesamt finden sich nach BILD-Informationen allein 80 Vorgänge bei der Polizei mit seiner Verwicklung als Täter oder Anzeigen-Erstatter. Dazu kommen sechs Hinweise von ausländischen Sicherheitsdiensten, die sich mit den Twitter-Drohungen ihres Staatsangehörigen befassen sollen.
Islamistische Attentäter zündeten im April 2013 Bomben beim Boston-Marathon
▶ Am 16. April 2013 drohte er der Ärztekammer, „ob sie die Bilder aus Boston gesehen habe. So etwas würde dann hier auch passieren“. Hausdurchsuchung, Amtsgericht Rostock verurteilte ihn zu einer Strafe von 90 Tagessätzen in Höhe von 10 Euro.
▶ Am 17. Oktober 2014 legte er sich vor dem Landgericht Rostock auf eine Decke. Neben ihm ein Koffer mit dem Plakat von Adolf Hitler darauf. Wie das Ermittlungsverfahren ausging, ist nicht mehr nachvollziehbar, weil die Akten vernichtet wurden.
Schwer bewaffnete Polizisten durchsuchten nach dem Anschlag die Wohnung des Attentäters
▶ Am 31. August 2015 drohte er dem Generalstaatsanwalt einen Anschlag an: „Aus rein postmodernem philosophischem Blickwinkel sind Sie schmutzige Bakterien, die bald vernichtet werden sollen (...) Dafür bin ich bereit, mein ganzes Leben zu bezahlen.“ Auch hier ist der Ausgang der Ermittlungen aufgrund vernichteter Akten nicht mehr abrufbar.
► Am 10. Mai 2023 setzte er auf seinem Twitter-Account ein Kopfgeld von 10.000 Saudischen Riad (2662 Euro) für die Person aus, die ihn direkt zum saudischen Botschafter in Berlin führe. Die deutschen Behörden nahmen dies nicht ernst.
Diese Drohung teilte Taleb A. auf der Plattform X
► Am 26. September 2023 schlug eine junge Frau aus Saudi-Arabien Alarm, als sie die angsteinflößenden Tweets von Taleb al-Abdulmohsen anschaute. Sie schickte Nachrichten an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und auch an die Berliner Polizei. Allerdings nicht an die deutsche Polizei in Berlin, sondern an die kleine Gemeinde Berlin im US-Bundesstaat New Jersey.
► 2024 postete er über Wochen aggressive Nachrichten bei X: „Ich versichere Ihnen: Wenn Deutschland Krieg will, werden wir ihn haben. Wenn Deutschland uns töten will, werden wir sie abschlachten, sterben oder voller Stolz ins Gefängnis gehen.“
Der demolierte BMW X3 nach der Amokfahrt in Magdeburg – Ermittler sichern Spuren an dem Wagen
► Am 30. Juli 2023 erfolgte die erste Warnung aus dem Umfeld der Saudi-Botschaft in Berlin. Weitere Warnungen gab es am 28. November 2023, die letzte am 2. September 2024.
► Nur einen Tag vor dem Anschlag hätte Taleb al-Abdulmohsen erneut vor Gericht erscheinen sollen – doch er schwänzte! Hintergrund: Im Februar 2024 war er auf einer Polizeiwache in Berlin erschienen, um eine Anzeige zu erstatten. Noch vor Ort rief er den Feuerwehrnotruf an, schien verwirrt.
„Das heißt, dass die Behörde nicht funktioniert“
Verfassungsexperte Volker Boehme-Neßler (62, Uni Oldenburg) zeigt sich gegenüber BILD fassunglos: „Dass mal ein Hinweis verloren geht, das ist nicht auszuschließen. Aber wenn so viele Hinweise im Sand verlaufen, heißt das, dass die Behörde nicht funktioniert.“
Auf Weihnachtsmarkt in MagdeburgVideo zeigt Todesfahrt
Boehme-Neßler weiter: „Dass jetzt im Innenausschuss nichts Aufklärendes gesagt wird, riecht schon sehr danach, dass was vertuscht werden soll. Wenn die Sicherheitsbehörden so massiv versagt haben, muss die politisch verantwortliche Ministerin zurücktreten.“
Mahnmal für die Toten und das Behörden-Versagen: Ein Blumen- und Lichtermeer in Magdeburg nach dem Anschlag
Experte kritisiert „Kultur des Durchreichens“
Terrorismus-Experte Peter R. Neumann (50), Professor am Londoner King’s College, spricht gegenüber BILD von drei Erklärungsansätzen für das Behörden-Versagen von Magdeburg:
▶ „Mangelnde Verknüpfung von Behörden: Es gab (und gibt) nicht die eine Stelle, an der die 80+ Hinweise zusammengelaufen wären.“
▶ „Eine Kultur des Durchreichens: Weil keiner für diesen komplizierten Fall Verantwortung übernehmen wollte, wurde er an jeweils andere Behörden weitergereicht.“
▶ „Die Tatsache, dass der Täter – mit einer Mischung aus ideologischen Versatzstücken und psychischer Erkrankung – in keine offensichtliche Kategorie passte und niemand etwas mit ihm anzufangen wusste.“
Mit dieser Erklärung, dass Taleb al-Abdulmohsen nicht in die Behörden-Schablone der Attentäter passt, wollte man sich im Innenausschuss bereits herausreden. Heißt: Er konnte keiner der üblichen Gefährderkategorien wie Islamist, Links- oder Rechtsextremist zugeordnet werden.
Boehme-Neßler: „Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Dann funktioniert die Methode nicht.“
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