Ich habe angefangen, mir meine Lebensumstände anzuschauen und darüber nachzudenken. Da ist es ganz einfach gereift. Aktuell bringe ich noch 100 Prozent. Ich will nicht irgendwann darüber nachdenken, ob 90 Prozent vielleicht auch ausreichen. Ich möchte mich mit 100 Prozent verabschieden. Da ist die WM der ideale Zeitpunkt. Es ist vielleicht auch ein kleines Stück Eitelkeit, dass ich mit einem WM-Finale aufhören möchte. Das ist ein passender Schlusspunkt. Ich freue mich auf eine bestimmt tolle WM.
Man überlegt natürlich schon, wie man das macht. Ich weiß ja noch nicht, wie ich selber reagiere. Das wird bei mir sicherlich mit einer gewissen Melancholie in dem Moment verbunden sein. Aber es ist mir wichtig, dass es nicht die Rolf-Kalb-Show, sondern das Finale ist. Im Vordergrund steht es, den neuen Weltmeister zu feiern. Mir wurde aber schon gesagt, dass ich mich unbedingt mit meinem „Ihr/euer Rolf Kalb“ verabschieden soll.
Das ist ja Ihr üblicher Abschiedsgruß. Wie entstand der?
Spontan, als ich anfing, den Zuschauern interaktive Angebote zu machen. Sie hatten einen direkten Draht zu mir, und im Internet duzt man sich ja üblicherweise. Im Fernsehen wollte ich aber nicht alle Leute ungefragt duzen, das wäre auch unhöflich. Also wurde daraus „Ihr/euer Rolf Kalb“. Ich merkte, dass sich das verfängt und habe es als Catchphrase beibehalten.
„Schwere Jahre mit der Krebserkrankung meiner Frau"
Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Natürlich werde ich weiter Snooker-Fan bleiben! Ich werde erst mal eine Erholungsphase einschieben. Meine Frau und ich werden wahrscheinlich in Urlaub fahren. Mein Bruder, der in Frankreich an der Loire lebt, wird Ende Mai 70 Jahre alt. Bei uns im Haus ist auch einiges liegengeblieben. Es waren ein paar schwere Jahre mit erst der Krebserkrankung meiner Frau, dann meiner Tumorerkrankung. Zum Glück geht es uns jetzt wieder gut. Aber da ist halt viel liegengeblieben, und das werden wir angehen. Aber es gibt hier in Gütersloh eine Reihe von Initiativen und Möglichkeiten, um sich zu engagieren. Da werde ich mir in aller Ruhe etwas raussuchen, wo ich noch was Sinnvolles beitragen kann. Die Gesellschaft hat mir ermöglicht, meinen Weg zu gehen – trotz schwerer Startvoraussetzungen als Sohn eines Bergmanns, der verstarb, als ich 16 Jahre alt war. Da würde ich gern etwas zurückgeben.
Als Sie 1989 bei Eurosport als Kommentator loslegten, war es noch nicht beim Snooker. Bei was genau?
Ich kommentierte am 11. November 1989 das Rugby-Spiel Frankreich gegen Australien. Damals war ich gar nicht mit den Feinheiten dieses Sports vertraut. Das waren wilde Zeiten. Der Sender war ganz frisch, es wurde viel herumexperimentiert. Bald darauf begann Eurosport aber mit Snooker-Übertragungen, und da war ich besser in der Materie, weil ich für den Deutschen Billard-Verband als Pressesprecher gearbeitet hatte. Über den Job habe ich übrigens auch meine Frau kennengelernt. Nächstes Jahr haben wir 40. Hochzeitstag.
Wieso ist es bei Ihnen gerade Snooker geworden?
Ich habe über den Tellerrand hinausgeschaut, die Faszination Snooker für mich entdeckt und bin drangeblieben. Das war damals natürlich nicht immer leicht, denn es gab zu Beginn noch kein Internet, wo man mal Ergebnisse nachgucken konnte. Also bin ich immer zur Bahnhofsbuchhandlung marschiert und hab mir dort englische Tageszeitungen besorgt. So erfuhr ich mit ein paar Tagen Verspätung, wie die Turniere ausgegangen sind.
Haben Sie eigentlich selbst mal gespielt?
Darüber decke ich lieber den gnädigen Mantel des Schweigens. Nur so viel: Ich habe ein Queue, aber ich habe es nie ernsthaft betrieben.
Er war schon mal da ... Dieser Trainer könnte Bayern sofort helfen!
Quelle: BILD02.04.2024
„Snooker liefert ganz viele kleine Dramen“
Snooker schauten über die Jahrzehnte bis über eine Million Fans bei Eurosport. Wie erklären Sie sich die Beliebtheit?
Snooker liefert ganz viele kleine Dramen, die sich im Idealfall am Ende zu einem grandiosen Spannungsbogen vereinigen. Zum Faszinosum der Sportart gehört dazu, dass jedes Match viele Kipppunkte haben kann. Im Fußball wird bei einem 3:0 kurz vor Schluss nicht mehr viel passieren, beim Snooker kann noch einmal alles anders ausgehen. Das Besondere ist auch, dass Snooker in Deutschland funktioniert, obwohl es keinen deutschen Helden gibt. Tennis schauten früher alle, weil Boris Becker und Steffi Graf erfolgreich waren. Als die aufhörten, wurde die Luft aus der Blase herausgelassen. Beim Snooker ist es eine gesunde, organische Entwicklung gewesen. Das generelle Interesse hängt nicht an einem deutschen Superstar.
Die Snooker-Regeln sind komplex. Da müssen Sie die Zuschauer stets mitnehmen.
Das ist meine Aufgabe als Kommentator. Zum einen muss ich natürlich das Stammpublikum, die echten Fans bedienen, aber auch Neu-Zuschauern einen Zugang eröffnen und denen die Faszination Snooker nahebringen.
Die komplexen Snooker-Regeln wurden von Rolf Kalb stets sehr detailreich bei Eurosport erklärt
Foto: picture alliance / empics
Sie kommentieren über die zwei WM-Wochen jeden Tag. Wie viele Stunden sind es jeweils?
Da kamen über die zwei WM-Wochen oft mehr als 150 Stunden zusammen. Das nannte ich meine Frühjahrs-Diät, weil kaum Zeit zum Essen blieb. Bei der WM 2006 ging es beim Finale bis nach 2 Uhr deutsche Zeit. Das zog sich episch hin.
Von wo kommentieren Sie die Spiele?
Neben Turnieren, die ich vor Ort gemacht habe, kommentierte ich zunächst von Hilversum und Paris aus. Seit 2006 habe ich ein Home-Studio bei mir in Gütersloh. Das ist mein Büro, in das ich mir von einem Tischler einen Schreibtisch mit Kommentatoren-Position bauen ließ.
Gab es Situationen, wo etwas abseits der Kameras passierte, das Ihnen daheim entging?
In der Regel kriege ich es mit, weil ich oft genug vor Ort war und weiß, wie solche Turniere ablaufen. So kann ich anhand der TV-Bilder einschätzen, was denn jetzt gerade los ist. Aber es gibt natürlich immer unvorhergesehene Geschichten wie bei der WM 2023. Da schütteten Klima-Aktivisten oranges Farbpulver auf den Snooker-Tisch. Beim zweiten Tisch, den man nicht sah, klappte es nicht, weil die Frau ihre Farbe an ihrem Platz vergessen hatte. Das sind natürlich Sachen, auf die kann man sich nicht vorbereiten. Da muss man spontan mit umgehen.
Bei der Snooker-WM 2023 gab es Klimaproteste in Sheffield
Foto: Mike Egerton/dpa
Was waren ungewöhnliche Momente Ihrer Karriere?
Da fällt mir eine Situation ein, als eine Zuschauerin einen fürchterlichen Hustenanfall bekam. Sie konnte einfach nicht mehr aufhören. Da hat Dennis Taylor sein Queue abgelegt, nahm sein Wasserglas und ging zur Frau auf die Tribüne. Er fragte höflich nach, ob es denn jetzt wieder bei ihr ginge. Sie hatte einen hochroten Kopf. Anschließend setzte Taylor sein Break fort. Er war ein echter Entertainer.
Mit welchen Spielern haben Sie eine besondere Verbindung?
Da gibt es einige Geschichten. Bei World Masters 1991 in Birmingham spielte im Juniorenbereich drei junge Talente, die als herausragend galten. Da habe ich die Chance genutzt, mir sie anzugucken und sie kennenzulernen. Das waren dann John Higgins, Mark Williams und Ronnie O'Sullivan – drei spätere Weltmeister! Wer mich immer besonders beeindruckt hat, war Steve Davis.
Warum genau?
Er ist so etwas wie Franz Beckenbauer bei uns im Fußball. Als ich ihn erstmals sprach, war ich ein fürchterlich schüchterner junger Journalist. Aber wir haben uns im Laufe der Jahre kennengelernt, haben auch bei Exhibitions zusammengearbeitet – ich als Moderator, er als Spieler. Da konnten wir uns spontan die Bälle zuspielen. Das hat uns beiden sehr viel Spaß gemacht. Als er dann seine Karriere beendet hat, schenkte er mir seine Biografie mit einer sehr persönlichen, von tiefer Freundschaft zeugenden Widmung. Das ist für mich eigentlich mein größter Schatz.
Eurosport-Kommentator Rolf Kalb ist bei der WM ab 20. April im Dauereinsatz
Foto: Guido Hermann / Eurosport
Was war das beste Snooker-Match, das Sie jemals kommentierten?
Es gab viele faszinierende Matches. Was spielerisch herausragend war, war Judd Trump 2019, als er die Weltmeisterschaft gewonnen hat und im Finale überirdisch spielte. Aber mir fällt auch ein Halbfinale im vergangenen Dezember bei den Scottish Open ein. Da lag Gary Wilson im letzten Frame klar gegen Zhou Yuelong zurück, der schon feierte. Wilson brauchte dreimal Snooker. Doch er kämpfte weiter und gewann schließlich durch eine respotted black. Das war an Drama nicht zu überbieten. Jedem Krimiautor, der so einen Plot vorgelegt hätte, würde man sagen: Das ist unrealistisch.
Als Kalb bei Wikipedia für tot erklärt wurde
Ein Ärgernis gab es 2009, als plötzlich bei Wikipedia Ihr Tod vermeldet wurde. Was war passiert?
Trolle gehören dazu, seit es das Internet gibt. Da hatte irgendjemand den Wikipedia Artikel über mich auf stümperhafte Art und Weise manipuliert. Dort stand laut Gütersloher Tageblatt, das es gar nicht gibt, dass ich Opfer eines Verkehrsunfalls geworden wäre. Ich hatte das selber gar nicht mitbekommen. Dann rief mein Bruder Rainer an. Als ich ranging, sagt er nur: „Gott sei Dank, du lebst!“ Ich wusste gar nicht, was los war. Ein Freund unserer Eltern hatte das irgendwie gesehen und ihn informiert. Ich habe es so schnell wie möglich korrigiert und erst einmal meine Mutter angerufen. Nicht, dass die Falschinformation die Runde macht und sie beim Fleischer hört: „Das tut mir aber leid mit ihrem Sohn.“ Da kriegt die arme Frau noch einen Herzinfarkt. Meine Erkenntnis: Wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt, ist es eine Begleiterscheinung, dass es immer mal Idioten gibt, die so etwas machen. Ich liebe meine Arbeit aber trotzdem.
Es kommt aus der Snooker-Community ja auch viel positives Feedback. Wie oft müssen Sie Autogramme geben?
Bei Veranstaltungen gebe ich ziemlich viele Autogramme – entweder im Buch oder auf der Eintrittskarte. Die Menschen möchten mir auch die Hand drücken. Was ich faszinierend finde: Für die Fans bin ich immer nur der Rolf. Jeder spricht mich spontan mit dem Vornamen an und duzt mich. Wenn sie es merken, entschuldigen sie sich, aber ich sage nur, dass es schon in Ordnung geht. Ich sehe es so: Ich bin derjenige, der immer zusammen mit euch auf der Couch sitzt, wenn ihr Snooker guckt. Für viele bin ich da ein Teil der Familie geworden. Das ist eine sehr schöne Reaktion.