Philipp Lahm über unser Heim-Turnier: Was ich bei einer EM noch nie so erlebt habe | Sport

14.07.2024 - Pazar 00:53

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Turnierdirektor Philipp Lahm (40) spricht in BILD am SONNTAG über sein Turnier.

BILD am Sonntag: Herr Lahm, wie zufrieden sind Sie aus Sicht des EM-Chefs mit dem heute endenden Turnier?

Philipp Lahm (40): Ich bin sehr zufrieden. Es war alles friedlich, die Menschen hatten Spaß, Lust zusammenzukommen. Alle Spiele waren ausverkauft, auf den Fan-Zonen waren am Ende circa sechs Millionen Menschen. Das ist sehr positiv. Die Uefa Euro 2024 war ein voller Erfolg.

2006 wurde das Versprechen „Die Welt zu Gast bei Freunden“ erfüllt. Was für eine Botschaft glauben Sie bleibt von der EM 2024 im Ausland?

Unser Slogan war „United by Football“, vereint durch den Fußball. Und das hat man definitiv gesehen: Solche Großveranstaltungen bringen enorm viele Menschen zusammen. Die Zeit zwischen 2006 und heute hat sich einfach verändert. Damals gab es noch nicht einmal ein iPhone, die Digitalisierung ist weit fortgeschritten. Es ist eine ganz andere Zeitrechnung. Aber Fußball funktioniert, Fußball macht Lust und bringt die Menschen zusammen.

Die Deutsche Bahn wird den Fans im Ausland sicher im Gedächtnis bleiben. Wie sehr ärgert Sie, dass dies den Gesamteindruck des Turniers beeinflusst hat?

Wir müssen die Kritik aufnehmen und feststellen: Wir müssen an der Infrastruktur arbeiten. Wenn ich darauf schaue, was unser Ziel war, wurde das angenommen: Viele Ticketinhaber und Mannschaften sind mit der Bahn gereist. Das war positiv. Es gab einige Ärgernisse, aber für manche Dinge muss man Verständnis haben: Wenn wie im Fall der verspäteten Holländer Tiere auf der Strecke sind, kann da die Deutsche Bahn wenig dafür.

Wenn Sie zwei Sätze an den Wettergott hätten, wie wären die?

Da hatte Franz Beckenbauer den deutlich besseren Draht als ich. Wäre er noch auf der Welt, dann hätten wir durchgehend Sonnenschein gehabt, da bin ich mir sicher. Es tut mir unglaublich leid, dass Franz dieses Turnier nicht erleben durfte.

Welche Fans haben Sie am meisten begeistert?

Zum einen die lautstarken und bierfreudigen Schotten, die ich sehr freundlich erlebt habe. Sie haben Spaß gemacht, waren einfach froh, Teil der EM zu sein. Aber auch die rumänischen Fans oder die aus Georgien: Es war einfach schön zu sehen, wie viele Zuschauer von jeder einzelnen Nation in den Stadien waren. Und: Die Fan-Märsche habe ich in der Art noch nie erlebt. Da stechen die Holländer heraus.

Bei der Eröffnungsfeier der Heim-EM 1988 gab es noch typische bayerische Blasmusik. Die Feier 2024 war steril, hätte mit ihren Fantasie-Fahnen überall stattfinden können. Hat Ihnen da das deutsche Element gefehlt?

Nein, gar nicht. Das Logo war bunt, offen, farbenfroh. So sah ich die Eröffnungsfeier und auch die Zeremonie vor den Spielen: Das war kurzweilig, nicht übertrieben. Und es ging in erster Linie um Fußball und die Protagonisten auf dem Feld, um nichts anderes. Es war nicht pompös, nicht übertrieben.

Bei Frankreich gegen Österreich schleppte sich der verletzte Kylian Mbappé wieder aufs Feld, um das Spiel zu unterbrechen. Was sind angesichts solcher Szenen die Fair-Play-Bekundungen von Profis wert?

Es gibt im Fußball klare Regeln. Wenn jemand diese Regeln bricht, wird er sanktioniert. Mbappé bekam zurecht die Gelbe Karte. Ich würde mir aber manchmal wünschen, dass sich die Spieler ihrer Vorbildfunktion gegenüber Kindern bewusster sind. Da hat der ein oder andere – ohne auf Mbappé speziell abzuzielen – Nachholbedarf. Allen muss bewusst sein: Die Kinder schauen sich alles ab. Alles! Ob es der Torjubel ist oder das Zeitspiel. Die Kinder beobachten und kopieren ihre Vorbilder. Das sollte jeder Spieler im Kopf haben: Was positiv wie negativ nachgeahmt wird. Was ich enorm finde: Jedes Kind imitiert die unterschiedlichsten Torjubel der Stars.

Bei Fan-FeierHIER langt eine Diebin zu

Quelle: Luis Alfonso,Instagram/BILD

Zum Thema Fairplay: Wie empfanden Sie die Pfiffe des Münchner Publikums gegen Marc Cucurella, dessen Handspiel im Viertelfinale gegen Deutschland von Schiedsrichter Anthony Taylor nicht gegeben wurde?

Am Anfang war es amüsant. Ich hoffe, dass der Spieler auch darüber lachen konnte, weil es einfach ein Zeichen war, dass der deutsche Schmerz in München noch tief saß. Irgendwann fand ich die Pfiffe etwas albern. Was hätte Cucurella gegen Deutschland machen sollen? Zum Schiedsrichter gehen und sagen: „Ich habe mit der Hand gespielt“? Ich fand die Pfiffe über das ganze Spiel anstrengend

Dann erklären Sie uns doch mal den umstrittensten Nicht-Pfiff des Turniers: War Cucurellas Handspiel ein Elfmeter?

Ich hätte ihn gegeben. Für mich ist es ein Elfmeter. Ich kann aber auch verstehen, wenn man ihn nicht pfeift: Da die Hand nicht aktiv nach außen geht. Ich würde sagen: Von zehn Experten und Fans geben acht Elfmeter, zwei nicht. Seit es den Fußball gibt, diskutieren wir über Hand-Szenen – und ich bin mir ziemlich sicher, dass es immer so bleiben wird. Denn es gibt einfach einen Interpretationsspielraum.

Wie sehen Sie die Diskussion um den Torjubel mit Wolfsgruß von Merih Demiral und der anschließenden Sperre?

Es gibt klare Regeln. Wenn jemand diese Regeln bricht, wird er sanktioniert. Das hat die Uefa ja nicht nur bei Demiral gemacht, sondern auch beim albanischen Spieler Daku. Wenn es um das Thema Rassismus oder Diskriminierung geht, muss man dagegen vorgehen.

Merih Demiral zeigt den Wolfsgruß nach dem Sieg der Türkei im Achtelfinale gegen Österreich

Merih Demiral zeigt den Wolfsgruß nach dem Sieg der Türkei im Achtelfinale gegen Österreich

Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Wie bewerten Sie das Auftreten von Jude Bellingham, der für seine „In-den-Schritt-Fass“-Geste eine Geldstrafe bekam?

Die Geste macht man auch nicht. Es geht wieder um die Vorbildfunktion. Die Kinder lieben Fußball und schauen die Gesten ab. Dessen sollte sich jeder einzelne Spieler bewusst sein, auch Jude Bellingham. Das war kein vorbildhaftes Verhalten. Weder gegenüber Mitspielern, Gegner und schon gar nicht gegenüber Kindern. Auch wenn die Spiele teilweise spät stattfinden: Das bekommen alle mit und ahmen es nach. Daher hat es auf dem Platz nichts verloren.

Sie tippten vor dem Turnier auf Dani Olmo als Spieler der EM. Was fasziniert Sie an dem Leipzip-Profi?

Ich mag Olmo als Spieler, wie er sich bewegt, wie er abschließt. Er ist ein spanischer Spieler, der noch ein anderes Element mitbringt: Er wurde u.a. in Kroatien ausgebildet, spielt jetzt in Deutschland. Ich schaue ihm super gerne zu.

Wie fanden Sie sportlich das Niveau der Spiele bei der EM?

Es war ein gutes Niveau, die vermeintlich kleinen Nationen waren sehr wehrhaft und haben gut verteidigt. Georgien hat mich sehr beeindruckt: Sie haben als Team gearbeitet und mit dem Ball versucht Lösungen zu finden. Was mir fußballtechnisch sehr gut gefallen hat: Nicht jeder Torwart hat versucht, jeden einzelnen Ball hinten rauszuspielen. Das fand ich 2022 bei der WM extrem. Es wurde auf Teufel komm raus versucht, von den Torhütern eine spielerische Lösung zu finden. Nun wurden mal wieder lange Bälle geschlagen, das Spiel dadurch ein wenig verändert. Das hat mir gefallen.

Wer ist Ihr Favorit im Finale?

Spanien. Sie haben konstant vom ersten Spiel bis zum Halbfinale Fußball gespielt. Sie haben eine klare Idee und Topspieler.

War die EM für Sie aus sportlicher Sicht für Deutschland ein Erfolg – oder ist ein Viertelfinale bei einer Heim-EM das Minimalziel?

Es ist wieder etwas entstanden. Und der Fan verzeiht ein frühzeitiges Ausscheiden, wenn man als Team, als echte Einheit auftritt. Es ist wieder ein Zusammenhalt mit den Fans entstanden. Wir hätten mit etwas Spielglück gegen Spanien gewinnen können. Und gerade habe ich gesagt, dass Spanien mein absoluter Favorit ist. Von daher glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Aber Mannschaften brauchen eine Entwicklung – und da sind wir noch nicht am Ende angekommen. Deswegen bin ich da zuversichtlich, auch in Richtung der WM 2026. Die letzten drei Monate haben eine Nationalmannschaft gezeigt, mit der man sich identifizieren konnte.

Aus der aber nun Toni Kroos wegbricht.

Es war wichtig und richtig, Toni Kroos und Ilkay Gündogan im Mittelfeld zu stärken. Das muss nun ohne Toni weiterentwickelt werden. Aber: Man hat eine Idee, die nun stetig weiter geformt werden muss. Ein einzelner Spieler wird Toni Kroos nicht Eins-zu-eins ersetzen können.

Hat Manuel Neuer noch die Klasse, um bei der WM 2026 im Tor zu stehen?

Ich sehe Manu nicht tagtäglich. Aber er hat beim Turnier keinen Ball ins Tor gelassen, den er hätte halten sollen.

Manuel Neuer absolvierte 124 Spiele im DFB-Dress. Ob er weitermacht, ist noch offen

Manuel Neuer absolvierte 124 Spiele im DFB-Dress. Ob er weitermacht, ist noch offen

Foto: Icon Sport via Getty Images

Julian Nagelsmann gab sich am Tag nach dem Aus als Staatsmann, der an das deutsche Volk appellierte. Braucht Fußball-Deutschland einen Bundestrainer wie ihn oder war es Ihnen zu viel Pathos?

Ich habe es nicht gesehen, nur ein paar Passagen gelesen. Der Fußball bringt Menschen zusammen, kann einen Impuls für die Gesellschaft geben. Die Menschen rücken mehr zusammen, die Nationalmannschaft hat durch ihre Spielweise dafür gesorgt, dass die Menschen im Land wieder mitgefiebert haben. Wenn sich danach ein Trainer hinstellt und sich dazu gesellschaftlich äußert, dann ist das etwas Positives.

Thomas Müller hört auf, Neuer wird nicht mehr ewig in der Nationalmannschaft spielen. Muss der FC Bayern aufpassen, dass er nicht sein deutsches Gesicht verliert?

Die Verantwortlichen werden sich dazu Gedanken machen. Es war immer wichtig und hilfreich, dass es einen Block an deutschen Nationalspielern beim FC Bayern gab. Für den Klub, aber auch für das Gefühl unter den Spielern.

Wie geht es für Sie nun weiter, nachdem das Turnier vorbei ist? Wollen Sie zurück zum FC Bayern?

Ich kann noch nicht sagen, was danach kommt. Mein Vertrag endet erst nach der Aufarbeitung Ende September. Ich will wieder mehr Zeit in meine Stiftung investieren.

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